Tiefer Blick in menschliche Abgründe – Pete Dexters Meisterwerk “Paris Trout”

Pete Dexter hat mit seinem tiefschwarzen Kriminalroman „Paris Trout“ ein brillantes Gesellschaftspanorama der Vereinigten Staaten der 1950er Jahre und ein in seiner brutalen Ausweglosigkeit und stilistischen Schönheit wegweisendes Buch vorgelegt. Während man sonst oft die Protagonisten eines Romans quasi beim Zuklappen der Buchdeckel bereits wieder vergessen hat, brennen sich die Akteure dieses grandiosen Meisterwerks tief ins Gedächtnis ein. „Paris Trout“ wurde 1988 mit dem National Book Award ausgezeichnet. Es war höchste Zeit, dass das Buch nun auch in deutscher Übersetzung als Taschenbuch vorliegt.

Wer ist der Autor? Pete Dexter wurde 1943 in Pontiac / Michigan geboren und ist ein amerikanischer Romanschriftsteller und Drehbuchautor. Zunächst arbeitete er einige Jahre als Journalist. Anfangs schrieb er für die Palm Beach Post in West Palm Beach (Florida), die er jedoch 1972 verließ, weil der Herausgeber die Redaktion zwang, bei den bevorstehenden Präsidentenwahlen Richard Nixon zu unterstützen. Als Dexter 1981 in Philadelphia in eine Schlägerei wegen eines Zeitungsartikels geriet und schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde, sattelte er vom Journalismus auf den Beruf eines freien Schriftstellers um.

Ein Rezensent hat den Inhalt dieses Schmökers, den man von der ersten bis zur letzten Seite nicht aus der Hand geben will, treffend mit folgenden Worten umschrieben: „Wer eine Ahnung bekommen will, welche Distanz die USA von Anfang der fünfziger Jahre bis zu einem farbigen Präsidentschaftskandidaten zurückgelegt haben, der muss Pete Dexter lesen.“

Der „Held“ des Romans ist der schwerreiche Ladenbesitzer und Kredithai Paris Trout, der in dem Kaff Cotton Point in Georgia ein ziemlich eigenbrötlerisches Leben führt. Die Geschichte fängt langsam an. Ein armes 14-jähriges schwarzes Mädchen wird von einem tollwütigen Fuchs gebissen und anschließend von Paris Trouts Frau aus Mitleid und gegen den Willen ihres Mannes in ein Krankenhaus gebracht. Als Paris Trout später gemeinsam mit einem brutalen Schläger und Ex-Polizist Geld bei einer Familie eintreiben will, bei der das Mädchen Unterschlupf gefunden hat, kommt es zur Katastrophe. Paris Trout, ein Mann, der an „Neger“ Geld verleiht, keine Steuern zahlt und ein eingeschworener Rassist ist, erschießt aus blankem Hass das Mädchen und verletzt dessen zeitweilige Pflegemutter schwer.

Ein schwächerer Schriftsteller konnte nun eine vorhersehbare Geschichte abspulen mit einem unverbesserlichen Rassisten als Täter und vielleicht einem positiven Helden, der das Ganze dann doch noch zum Guten wendet. Doch Dexter ist ein starker Autor, dem sogar das Kunststück gelingt, dass man Mitleid empfindet mit diesem eigentlich widerlichen Mörder, der nicht zu seiner Schuld stehen will und von unerschütterlicher Selbstgerechtigkeit ist. Am Ende des Buches läuft Paris Trout ein Blutbad an und metzelt all diejenigen Menschen dahin, von denen er sich verraten fühlt. Selbst seine in einem Pflegeheim verdämmernde Mutter wird zum Opfer seiner Verblendung: „Er sah seine Mutter an, sie schaute ihn an. Er legte die Mündung der 45er an ihren Kopf. ‚Ich beende meine Beziehung zu allem, was war’, sagte er.“ Lakonischer und bedrückender kann man keinen Muttermord schildern.

Paris Trout ist nicht nur Täter, er ist auch Opfer, nämlich ein Opfer der Vorurteile und rassistischen Einstellungen seiner Zeit und letztlich ein Opfer seines eigenen Wahns. Er behandelt seine schöne Frau wie ein Schwein, zwingt sie täglich zum Geschlechtsverkehr und ertränkt sie fast in ihrer Badewanne. Es gibt Szenen in diesem Roman, die man nur mit Überwindung lesen kann. Und doch fühlt diese geschundene Frau Hanna mit Paris Trout, als dieser kurz vor seinem in einem Amokrausch endenden Abgang von einigen Mitgliedern der Dorfgemeinschaft erniedrigt und verhöhnt wird.

Dexters Helden sind nicht ganz schwarz und nicht ganz weiß, und auch diejenigen, die sich gegen das von Paris Trout begangene Unrecht stemmen, sind nicht frei von Fehlern. Pete Dexter schildert keine „gute alte Zeit“, auch wenn man manchmal den Eindruck hat, das Geschehen müsse schon mindestens ein Jahrhundert zurückliegen. Doch die Melange aus Waffennarrentum, Rassismus und staatsfeindlichen Gesinnung findet man auch noch im Amerika des 21. Jahrhunderts. Es ist kein Zufall, dass die blutigen Schüsse am Rande eines Kostümfestes fallen, mit denen die braven Bürger von Cotton Point in historischer Aufmachung den Beginn ihrer amerikanischen Demokratie feiern. Doch auch wenn das Beschriebene schrecklich und unausweichlich ist, liest man diesen äußerst spannenden 400-seitigen Roman durchaus streckenweise mit Vergnügen und atemloser Aufmerksamkeit.
Pete Dexter: Paris Trout. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2010. 416 S. 9,95 Euro. ISBN 978-3-596-18581-8.

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